Energiekrise – muss die IT umdenken? 5 Thesen.

Wird es jetzt ernst mit der "grünen Digitalisierung"? Oder darf bei der IT zuletzt gespart werden? Und welche Rolle spielen dabei die Cloud und Outsourcings? Noch ist das Bild diffus.

Bild Glühbirne/Energiekrise

Schon seit mehr als zehn Jahren ist Green IT ein beliebtes Schlagwort, um umweltverträglichere Technik zu propagieren. Aktuell ist der Begriff verblasst, das Thema aber zu einer Top-Priorität aufgerückt – nicht nur vor dem Hintergrund der Maßnahmen gegen den Klimawandel, sondern insbesondere vor den okönomisch-politischen Zwängen der Energiekrise. Experten sehen darin Chancen und Gefahren.

1.    Bei der Unternehmens-IT Energie zu sparen, hat aus Sicht der Gesamtkosten wenig Potenzial.

Die Unternehmens-IT startete einst als Unterstützungstechnik. Diesen Status hat sie längst verlassen. Die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache: Auch bei Dienstleistern machen die IT-Kosten derzeit 30 Prozent und mehr der Gesamtkosten aus. Das Verhältnis von IT-Mitarbeitern zu Nicht-IT-Mitarbeitern ist hingegen oft 1:10 oder noch höher. Der Kostenfaktor Energie für die IT spielt im Kontext des Gesamtunternehmens eine untergeordnete Rolle. Natürlich gibt es auch hier Sparpotenziale, die gehoben werden müssen. Aber weil die IT heute "systemkritisch" und ein wesentlicher Faktor für die Resilienz eines Unternehmens ist, will jede Maßnahme gut überlegt sein. Auslagerungen um des Energiesparens willen sind zum Beispiel keine echte Option – der Fußabdruck des Unternehmens verändert sich nur lokal, und die Kosten verlagern sich.

2.    Die hohen Energiekosten schaden besonders den "kleinen" Rechenzentrumsbetreibern – und am Ende bleiben nur Google, AWS und Co.

Auch wer sein Rechenzentrum ausgelagert hat oder vorwiegend auf Managed Services setzt, kann sich den steigenden Strompreisen nicht ganz entziehen: Steigende Energiekosten führen zu steigenden Servicekosten, die die Betreiber weitergeben müssen. Gegensteuernde Energieeffizienzmaßnahmen sind vergleichsweise teuer, entsprechende Investitionen könnten gerade die kleineren Anbieter überfordern, auch wenn sich durch höhere Sparpotenziale bisher zu teure Maßnahmen nun wirtschaftlich darstellen. Die Wettbewerbsposition der kleineren Anbieter gegenüber den Riesen ist weiter geschwächt. Am Ende dürfte sich die – ohnehin stattfindende – Marktkonzentration erheblich beschleunigen.

3.    Agilität kostet künftig. Langfristige Verträge helfen sparen.

Provider von Rechenzentrumsinfrastruktur fordern zunehmend Preisgleitklauseln ein, um fluktuierende Energiekosten einzufangen. Damit entsteht für die Kunden eine Situation wie am Terminmarkt: Der Trend geht weg vom kurzfristigen Energie-Kontrakt hin zu längerfristigen Commitments. Das beschneidet zwar teilweise die Flexibilität, sorgt aber für stabile und berechenbare Preise.

4.    Teure Energie sorgt für "grünere" IT? Ein frommer Wunsch.

Die aktuelle Energiekrise ist in erster Linie ein neuer Schub für kostensenkende Maßnahmen zur Energieeffizienz, nicht für Green IT. Dieses in die Jahre gekommene Schlagwort ist ohnehin meist nur ein Synonym für Zertifikatehandel, und der ist nicht an Energiepreise gekoppelt. In seiner Grundidee ist Green IT aber eigentlich mehr als nur "energieoptimierte IT". Es bedarf wirklich neuer Lösungen. Die Nutzung von Abwärme durch Rechenzentrumsbetreiber ist ein Anfang, aber eben auch nur ein Anfang.

5.    Der Energie-Kostendruck ruft nach effizienten Algorithmen.

Energiekostensenkung ist unweigerlich zum Hype-Thema geworden. Wo ein Hype ist, ist auch ein Markt, und damit sind neue Ideen gefragt. Die technischen und organisatorischen Möglichkeiten sind längst bekannt, etwa die Erhöhung des Virtualisierungsgrades, Datensparsamkeit oder die Konsolidierung der Infrastruktur und der Anwendungslandschaft. Diese Maßnahmen müssen aber immer auch im Kontext der Nachhaltigkeit betrachtet und zum Beispiel der Einsatz neuer, energieeffizienter Hardware gegen eine ressourcenschonende längere Nutzungsdauer der bestehenden abgewogen werden. Darüber hinaus geht es ans Eingemachte: Auch Algorithmen können extrem ineffizient implementiert sein. Das zu ändern, lohnt sich in der Regel jedoch sehr selten und geht auch nur bei Eigenentwicklungen. Hier hilft, bei zukünftigen Implementierungen die Komplexitätstheorie zu berücksichtigen und effizientere Algorithmen zu implementieren oder entsprechende Anwendungen auszuwählen.

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