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Der digitale Berater - fünf Thesen, wie die digitale Transformation das Beratungsgeschäft verändern wird

Die Beratungsbranche steht, genau wie ihre Kunden, im Rahmen der digitalen Transformation vor großen neuen Herausforderungen und sich massiv verändernder Rahmenbedingungen. Fünf Thesen von M. Wendt.

Die Beratungsbranche steht, genau wie ihre Kunden, im Rahmen der digitalen Transformation vor großen neuen Herausforderungen und sich massiv verändernder Rahmenbedingungen. Obwohl Berater maßgeblich an der Entwicklung neuer Konzepte zur Digitalisierung beteiligt sind, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Kunden durch innovative Lösungen zu stärken, wird bei der Erbringung von Beratungsleistungen meist noch auf traditionelle Arbeitsweisen zurückgegriffen. Unternehmensberatung wird immer noch als "people business" begriffen, weil man davon ausgeht, dass Berater bei Kunden vor Ort an der Lösung der Problemstellung arbeiten. Aber wird das weiter so bleiben? Welchen Einfluss hat die digitale Transformation auf die Beratungsbranche? Die folgenden fünf Thesen geben einen Ausblick auf die Zukunft des Beratungsgeschäfts.

1. Anteil der Vor-Ort Tätigkeiten wird zurückgehen

Technologien wie Videokonferenzen, Collaboration und Chat Tools sind etabliert und weit verbreitet. Unternehmen sind bestrebt, Reise-Kosten und -Zeiten zu reduzieren. Digital Natives, die mit Skype aufgewachsen sind, finden sich zunehmend in Entscheider-Positionen. All dies trägt dazu bei, dass die Akzeptanz für remote erbrachte Beratungsleistungen weiter steigt und Kunden und Berater nicht mehr zwingend örtlich zusammenarbeiten werden. Gleichwohl werden virtuelle Beratungsleistungen traditionelle Vor-Ort-Beratung bis auf weiteres nicht vollständig ersetzen.

2. Beratungen entwickeln virtualisierte Produkte

Die Bedeutung der Virtualisierung als Innovationstreiber und Wegbereiter von neuen Geschäftsmodellen und Services wird auch für die Beratungsbranche zunehmen. Angefangen bei "leicht" virtualisierten Beratungsleistungen wie Webinaren und Online-Coaching findet man bereits heute Ansätze von webbasierten Fragekatalogen und teilautomatisierten Analyse-Tools bis hin zu komplexen Individual-Entwicklungen, die an zentrale ERP-System der Kunden andocken. Mit der Nutzung von Cloud-Technologien können solche Beratungs-Services schnell und weltweit interessierten Kunden bereitgestellt werden. Kritisch bleibt in diesem Zusammenhang das Thema Sicherheit, wenn Datenanalyse-Tools der Beratungen auf Daten-Pools der Unternehmen über das Internet zugreifen.

3. Problemlösung und Implementierung bleiben vorerst "analog"

Typische Beratungsprojekte gliedern sich häufig in die Phasen Vorbereitung, Analyse, Lösungskonzeption und Umsetzung. In der Problemlösung und auch teilweise in der Umsetzung ist ein hohes Maß an Kreativität und strategischem Denken notwendig. Daher werden diese Projektphasen vorerst weniger stark digitalisiert, während sich Vorbereitung und Analyse gut durch Tools unterstützen oder gar vollständig virtualisieren lassen. Auch in der Akquise von Beratungsmandanten wird der persönliche Kontakt weiter im Vordergrund stehen.

4. Neue Märkte entstehen

Mit digitalisierten Produkten können Beratungen neue Kundensegmente erschließen. Nach dem initialen Entwicklungsaufwand können digitale Produkte häufig günstiger angeboten werden als "klassische" Beratungsleistungen und neue Nischen erschließen, die heute noch unbekannt sind. Außerdem bringen digitalisierte Leistungen in der Regel gleichbleibende hohe und besser objektiv messbare Qualität mit sich, wo hingegen die Qualitätsbewertung der persönlichen Beratung auch immer subjektiven Faktoren unterliegt.

5. Der voll digitalisierte Berater kommt (irgendwann)

Wie würde er aussehen, der voll digitalisierte Unternehmensberater? Ein Avatar löst den Berater ab, menschliche Arbeitsleistung und persönlicher Kontakt verschwinden, voll automatisierte Tools liefern zeitnah hochwertige und kundenindividuelle Ergebnisse, ohne dass ein Mitarbeiter der Unternehmensberatung mitwirkt. Utopie? Viele der dafür notwendigen Technologien sind bereits in verschiedenen Branchen im Einsatz bzw. entwickeln sich aktuell rasant weiter. Große Beratungshäuser investieren bereits zunehmend in Technologien und Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Noch gilt die menschliche Kreativität als größte Herausforderung, um diese durch automatisierte Lösungen zu ersetzen. Aber wer hätte vor 10 Jahren ernsthaft daran geglaubt, dass wir einmal voll autonom fahrende Autos bekommen?

Entscheidend für die weitere Digitalisierung der Beratungsbranche wird nicht die Verfügbarkeit der notwendigen Technologien sein. Diese sind längst da bzw. entwickeln sich gemäß des Mooreschen Gesetz teilweise schneller als wir diese adaptieren könnten.  Die Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation der Beratung bleiben ganz klassisch – Vertrauen und Akzeptanz der Kunden für neue Beratungsleistungen. Ein Mix aus klassischer persönlicher Beratung und digitalen Beratungsprodukten wird das Modell der Zusammenarbeit zwischen Kunden und Beratern in den nächsten Jahren prägen und zeigen, wohin die Reise geht.

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